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Ernst Barlach · 1870–1938
Bildhauer · Zeichner · Grafiker · Schriftsteller

Die Kriegszeit

In dieses persönlich zufriedene Leben, weil es ein künstlerisch zunehmend erfolgreiches Wirken Ernst Barlachs geworden war, überfiel die Menschen in Deutschland und anderswo die Nachricht vom Ausbruch des Krieges, als I. Weltkrieg in die Geschichte eingegangen.

Ernst Barlach zeigt sich als glühender Patriot

Erstaunlich ist es festzustellen, dass der sensible, introvertierte Künstler Barlach ein Bekenner dieser militärischen Auseinandersetzung zwischen den Völkern wurde. Gegenüber dem Vetter Karl schrieb er, dass der Krieg eine Erlösung von den ewigen Ich-Sorgen des Individuums wäre, also eine Weitung und Erhöhung des Volkes. Somit schien es, als hätte Ernst Barlach ein Alibi gefunden, sein unaufhörliches, tägliches künstlerisches Streben zeitweilig beiseite stellen zu können, um Höherem zu dienen, dem Vaterland zu dienen. Somit ordnete sich der Künstler in die allgemeine Kriegseuphorie der Menschen in Deutschland ein. In diesem positiven Denken zum Krieg stand er keinesfalls allein, zu den Millionen kriegsbegeisterter Deutscher gehörten auch die Künstler, die Maler, die Schriftsteller, die Musiker u.a. Ernst Barlach überlegte, wie er in diesen Kriegssituationen seinen persönlichen Beitrag leisten könnte. Mit seinen 44 Jahren gehörte er nicht unbedingt zu jener Menschengruppe, die als kriegstauglich besonders gebraucht wurde. Auf dem Wehr-Amt erfuhr er, dass er, zum Landsturm II gehörend, nicht meldeverpflichtet sei. Gleich nach dem Ausbruch des Krieges hatte sich Ernst Barlach entschlossen, die Ereignisse zu all dem Geschehen in dem "Güstrower Tagebuch" festzuhalten. Jetzt hatte er auch Zeit, alles aufzuschreiben, einer Bilanz gleich, was er künstlerisch erreicht hatte. Unter dem Datum 31. August 1914 zählte er auf, was er bereits geschaffen hatte:

'Was habe ich denn, wenn ich nicht wiederkäme, was von mir zeugte? Holzfiguren, zum größten Teil in Cassirers Besitz: 1. Sitzende Frau. 2. Wanderer im Sturm (Bremen). 3. Steppenhirt. 4. Liegender Bauer. 5. Der Zecher. 6. und 7. Die Sterndeuter. 8. Geldzähler. 9. Berserker II. 10. Berserker II. 11. Der Einsame. 12. Liegender Wanderer (Däubler). 13. Sorgende Frau. 14. Bettlerin (Relief). 15. Drei singende Frauen. 16. Die Vagabunden. 17. Der Wüstenprediger. 18. Der Fliegende. 19. Der Spaziergänger. 20. Die entsetzten (beim Gewitter). 21. Die Verlassenen (Relief). 22. Der Dorfgeiger. 23. Die alte Jungfer mit Stock. 24. Das wandernde Paar mit Affen. 25. Die Hinterbliebenen. 26. Die Rübenstehler. 24. und 25. sind noch bei mir im Atelier. Dazu Porzellane Frau Tilla Durieux', Däublers, Kollmanns Porträt. "Der tote Tag", Drama. "Der arme Vetter", Drama (liegt in der Schublade). 100-200 Zeichnungen (27 Blätter Apokalypse).'

Um in diesen Kriegstagen nicht tatenlos zuzuschauen, übernahm Barlach eine Stelle als Erzieher in einem Kinderhort. Jetzt hatte die Betreuung von Kindern schon ihren Stellenwert, da die militärdiensttauglichen Männer bzw. Väter an der Front im Einsatz waren. Auch in Kriegszeiten kann es ein wenig Freude geben, für Ernst Barlach war es der Flirt mit einer jungen Erzieherin im Kinderhort. Bevor das Verhältnis drohte, ernstere Züge anzunehmen, floh er aus seiner "unkriegsmäßigen" Leidenschaft. Im April 1915 hatte das Warten nun doch ein Ende, die Männer des Landsturms II (Reservisten im Alter von 40 bis 50 Jahren) waren zur Musterung aufgerufen. In den Krieg musste Ernst Barlach jedoch nicht sogleich ziehen. In seinen brieflichen Kontakten zu Kollegen und Freunden (das waren Vetter Karl, Theodor Däubler, August Gaul, Friedrich Schult, Zeichenlehrer am Güstrower Gymnasium, später Barlachs Nachlass-Verwalter, 1914 als Freund gewonnen sowie Käthe Kollwitz) erfuhr er, wie es den Einzelnen unter ihnen in diesen Tagen ergangen war. Käthe Kollwitz hatte zur Erinnerung an ihren gefallenen Sohn ein Denkmal geschaffen. Auch Barlach wurde zu schöpferischer Tätigkeit ermuntert. Er nahm für die Berliner Familie Mendelssohn den Auftrag an,eine Reliefwand für einen Kamin zu gestalten.

Ernst Barlach gestaltet die Plastik "Der Rächer", außerdem Lithographien in der Zeitschrift "Kriegszeit"

Seine Euphorie über den Ausbruch des Krieges spiegelte sich in der von ihm gestalteten Bronze-Plastik kongenial wider:

1. Bild von links: "Der Rächer", 1914, Bronze, Nr. 39: 6, S. 117; 26 (copyright by Ernst Barlach Lizenzverwaltung, Ratzeburg)
2. Bild von links: "Der heilige Krieg", 1914, Beitrag für die Zeitschrift "Kriegszeit", Lithographie (Nr. 40: 6, S. 171, 26)
3. Bild von links: "Erst Sieg, dann Frieden", 1914 Beitrag für die Zeitschrift "Kriegszeit", Lithographie(Nr. 41: 6, S. 174, 26)

"Lügt, Stürme, lügt", 1914; "Evakuierung", 1915.

4. Bild von links: "Das Massengrab", 1915, Lithographie (Nr. 42: 3, S. 137, 26)

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Die Kontakte zu Paul Cassirer gaben Ernst Barlach auch die Möglichkeit, für dessen mit Alfred Gold herausgegebenen, aus jeweils vier Blättern bestehenden Zeitschrift "Kriegszeit" (Künstlerflugblätter) Druckgraphik zu liefern. Die Zeitschrift erschien unmittelbar nach Kriegsbeginn bis Anfang 1916. Ernst Barlach gestaltete neben anderen Künstlern, wie August Gaul und Max Liebermann Druckwerke, die thematisch über einen Alltagsbezug hinausgingen und damit als künstlerisch bedeutsam angesehen werden konnten. Das waren insgesamt 11 Lithographien, jeweils ganzseitig abgedruckt. Ausgewählte Lithographien Barlachs für die Zeitschrift "Kriegszeit":

Die "patriotischen" Unterschriften lieferte der Verlag. Ärger gab es bezüglich Barlachs Beitrag von 1915, das "Massengrab", da der Druck nur als Einzelblatt erfolgt war und damit nicht publiziert wurde. Barlach vermutete andere Gründe für das Nicht-Erscheinen in der "Kriegszeit". Man hatte sich wohl wegen des heiklen Themas gefürchtet.

Fast unerwartet wurde Ernst Barlach am 7. Dezember 1915 doch noch eingezogen und nach Sonderburg an der Dänischen Grenze beordert, um dort in der Ableistung seiner Grundausbildung den Alltag des Militärdienstes über sich ergehen zu lassen. Reservisten waren ja für die ausbildenden Offiziere eine willkommene Menschenmasse, denen Ordnung, Disziplin, Gehorsam als Grundvoraussetzung für das Soldat-Sein an der Front, verbunden mit militärischen Grundkenntnissen, beizubringen bzw. zu trainieren war, und das bei den Unbilden des Winters. Zudem war Barlach nicht gesund (Herz- und Rheuma-Leiden).

Ernst Barlachs Abkehr von allem, was Krieg bedeutet

Im Denken und Fühlen trat eine große Ernüchterung ein. Da nach seiner Grundausbildung ein Einsatz an der Front vorerst nicht vorgesehen war, sondern der Dienst in der Etappe, nahm er das Bemühen seiner Künstlerkollegen um ihn an, über ein Gesuch an das Kriegsministerium seine Entlassung aus dem Wehrdienst zu erwirken. August Gaul kennzeichnete in einem Schreiben an das Kriegsministerium die besondere Leistung des Künstlers Ernst Barlach als kunstgeschichtlich für alle Zeit bedeutsam. Am 20. Februar 1916 war für Ernst Barlach der Krieg als Soldat beendet. Er wusste, dass er noch einmal davon gekommen war, die Garnison war für ihn die Hölle. Jetzt hatte er erfahren, wovon gesprochen wurde, wenn das Wort "Krieg" genannt wurde. Von nun an wurde der Gedanke "Krieg" nie gekoppelt an Verherrlichendes, an Heroismus, an Heldentum, sondern immer ausgedrückt mit Leid und Trauer, zum wichtigsten Thema seines künstlerischen Schaffens.

So beteiligte sich Barlach mit 8 Lithographien für die ab April 1916 der "Kriegszeit" folgende Zeitschrift "Der Bildermann" (Steinzeichnungen fürs deutsche Volk), ebenfalls von Paul Cassirer herausgegeben, u.a.:

Bild links: "Aus einem neuzeitlichen Totentanz", 1916, Beitrag für die Zeitschrift "Der Bildermann", Lithographie (Nr. 43: 6, S. 177, 26)
Bild mitte: "Selig sind die Barmherzigen", 1916, Beitrag für die Zeitschrift "Der Bildermann", Lithographie (Nr. 44: 6, S. 179, 26)
Bild rechts: "Dona nobis pacem", 1916, Lithographie (Nr. 45: 3, S. 160, 26)

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Die Zeichnung zur letztgenannten Lithographie nutzte der Künstler 1921 für die Gestaltung des Kieler Ehrenmals "Schmerzensmutter''. Aus seinem Bekenntnis für den Krieg wurde nun um so deutlicher das Bekenntnis gegen den Krieg.

Die Redaktion hatte Leo Kestenberg, er war Pianist und Musikpädagoge, der später in der Weimarer Republik als verantwortlicher Mitarbeiter im Preußischen Ministerium die Entwicklung der Musikerziehung in Deutschland erfolgreich gestaltete. Ausgewählte Lithographien Barlachs für "Der Bildermann" und darüber hinaus geschaffene Kunstwerke der Zeit ab 1916 geben Zeugnis ab von seiner deutlich sichtbaren Abneigung gegenüber allem, was Krieg, Vernichtung, Tod, Gewalt, Grausamkeit, Kälte, Finsternis zu nennen ist.

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